Bloggen damals und bloggen heute

Ich bin eigentlich gar nicht der Typ, der sagt Früher war das aber besser., bin ich nie gewesen. Eigentlich.

Heute Nachmittag hatte ich ein bisschen Zeit und habe darüber nachgedacht, ob ich ein bisschen bloggen möchte. Einfach so. Über Dinge, die mich beschäftigen, mich bewegen, vermutlich Themen, die euch im Alltag genauso „verfolgen“ wie mich auch. Berufliche Perspektiven, Wünsche, Hoffnungen, finanzieller Druck, Erwartungshaltungen von anderen, die eigenen Ansprüche an einen selbst und das Hamsterrad, in dem man nur allzu oft rennt wie ein Hamster auf Koks und nur hofft, dass man keinen Herzinfarkt dabei bekommt.
Über all das würde ich gerne schreiben, zu so vielen Themen gehen mir seit Wochen tausende von Gedanken durch den Kopf, aber ich kann mich dann doch nicht dazu durchringen, sie hier zu verbloggen.
Warum ist das so?

Diese Frage habe ich bis heute sorgfältig beiseite geschoben, wenn sie sich mir aufdrängen wollte. Zuviel zu tun mit dem Umzug in eine neue Wohnung, zuviel Arbeit im Büro, zuviel alles. Jede Antwort, die mit zuviel begann war akzeptabel, obwohl ich genau wusste, dass das nur die halbe Wahrheit ist.

Die andere Hälfte der Wahrheit ist, dass sich die Umgangsformen im Internet so sehr verändert haben, dass es mich schüttelt. Ich ertappe mich oft bei der Frage Wie würden die Leute reagieren, wenn du das so ins Internet posaunst? Ziehst du damit womöglich wieder mal Trolle an, die ihren Frust rauslassen wollen?
Und dann frage ich mich, seit wann mich eigentlich interessiert, was die Leute denken.

Früher – da ist es, dieses ominöse früher – ja, früher hat man sich einfach an den Rechner gesetzt, die Finger über die Tasten fliegen lassen und auf seinem Blog veröffentlicht, was einem gerade durch den Kopf ging. Dabei sind Blogposts herausgekommen, die mal belanglos, mal am aktuellen Zeitgeschehen oder auch mal tiefgründig und nachdenklich waren. Aber eines waren sie immer: authentisch.

Ich will damit nicht sagen, dass meine Beiträge heute nicht mehr authentisch sind, aber die Worte sind auf jeden Fall mit deutlich mehr Bedacht gewählt. Ich würde jetzt gerne sagen, dass das damit zu tun hat, dass ich im Laufe der Jahre erwachsener geworden bin (was bestimmt nicht ganz unwahr ist), aber ich fürchte, dass der wahre Grund viel tiefer geht.

Um das besser zu verstehen ist vielleicht interessant zu wissen, dass ich schon seit langer Zeit als Bloggerin im Netz unterwegs bin. Und damit meine ich nicht, dass meine Blogs seit 5, 6 Jahren existieren, sondern ich rede von den Anfängen, die sich noch bei blogger.com, später bei blogspot abgespielt haben. WordPress gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht, individuelle Bloglayouts waren mit unglaublicher Frickelarbeit verbunden und wenn man wollte, dass das einigermaßen aussah, musste man sich schon ganz schön in den Quellcode reinfuchsen. Ja, so lange drücke ich mich schon im Internet herum und ja, ich war schon immer ein nerdiges Mädchen und bin es auch heute noch. Nicht, dass es mir etwas ausmachen würde, ganz im Gegenteil.

Um auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Damals hat sich so ziemlich niemand darum geschert, was und wieviel man von sich auf seinem Blog preisgegeben hat. Weder die fünf Blogger, die im Netz rumgehangen haben, noch die fünf Leute, die die Blogs gelesen haben. Es war alles klein, überschaubar, und entweder man mochte sich und hat sich gegenseitig Kommentare hinterlassen, oder man mochte sich nicht und hat sich nicht gelesen. So einfach war das. Wenn man den Blog von jemand anderem nicht mochte, hat man ihn schlicht und ergreifend nicht gelesen. Ist das nicht irre? Man kann das Browserfenster einfach zumachen, wenn einen anpisst, was man liest!
Abgesehen davon ist man zu der Zeit gar nicht davon ausgegangen, dass ein Blog besonders viele Leser anziehen könnte – schon gar nicht, wenn es einfach nur ein bisschen privates Geschwurbel war.
Es gab keine Kooperationen mit irgendwelchen Partnern, es gab kaum bis keine Werbung auf Blogs – niemandem war zu dem Zeitpunkt klar, dass man jemals mit Bloggen eine bestimmte Zielgruppe erreichen oder sogar Geld verdienen könnte.
Es gab auch kaum Trolle, die sich heutzutage mit ihren Kreuzzügen durchs Internet die Zeit vertreiben.
Es gab einfach nur den Blog und eine ganze Menge Artikel, die relativ ungefiltert ihren Weg ins Internet fanden und von Herzen kamen. Man hatte keine Angst, dass man mit einer unbedachten Äußerung einen Shitstorm auslösen könnte oder E-Mails im Postfach landen könnten, in denen man niedergemacht wird.

Heute sieht das alles ganz anders aus.
Ich liebe die Vielfalt an Blogs, die sich inzwischen im Netz tummeln, denn egal für welches Thema ich mich gerade interessierte: Ich finde ganz gewiss einen coolen Blog dazu. Allein wenn ich darüber nachdenke, wie viel Zeit ich auf Backblogs verbringe und wie viele tolle Rezepte und Anregungen ich schon gefunden habe – das ist einfach großartig! Oder wenn ich ein bisschen in Kommentaren stöbern möchte, weil mich interessiert, welche Theorien andere Leute zu Game of Thrones haben oder Blogs lese, weil sie über meinen Herzensverein Eintracht Frankfurt schreiben.
Aber auch wenn diese enorme Vielfalt ein sehr positiver Aspekt der rasant gewachsenen Blog-Szene ist, finde ich, dass sich doch auch einiges zum Negativen entwickelt hat – vor allem in den letzten Jahren ist es mir extrem aufgefallen.

Ein Beispiel sind Testblogs. Wie die Pilze schießen sie aus dem Boden – und das immer noch, obwohl man eigentlich meinen müsste, der Markt sei inzwischen vollkommen überlaufen. Dass es schon drölf Testblogs gibt hält trotzdem niemanden ab noch einen zu eröffnen und noch einen und noch einen.
Versteht mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Testblogs per se und ich habe selbst schon oft genug nach Berichten über bestimmte Geräte/Produkte gesucht, wenn ich nicht sicher war, ob ich mir etwas anschaffen möchte.
Aber die Qualität vieler Blogs lässt inzwischen schwer zu wünschen übrig und es wird immer schwerer in dem undurchsichtigen WirrWarr noch welche zu finden, die sich mehr Mühe geben als drei Sätze und eine kopierte Pressemitteilung ins Internet zu rotzen. Da frage ich mich schon Warum machen die das eigentlich, wenn es nicht so aussieht, als hätten sie wirklich Bock drauf?

Die Antwort, die ich mir jetzt zusammenreime, ist sicher nicht allgemeingültig und wird dem ein oder anderen vermutlich auch nicht gefallen, aber ich beobachte in den letzten Jahren eine gewisse Abstauber-Mentalität unter Blogger, die mich zum Fremdschämen einlädt.
Ich rede nicht von den Bloggern, die Kooperationen mit Herstellern fahren, die für Artikelplatzierungen bezahlt werden oder über Werbeeinnahmen und Affiliate-Programme ihre Blogs finanzieren. Das alles ist vollkommen legitim und es ist an der Zeit, dass die Leute „da draußen“ auch mal kapieren, dass Geld für eine Artikelplatzierung bezahlt wird und nicht unbedingt für die Meinung des Bloggers. Ein guter Blogger lässt sich für seine Dienstleistung bezahlen (den Schreibaufwand, den Produkttest, die Fotos, was auch immer eine Kooperation beinhaltet) – nicht für seine Meinung. Aber ich schweife ab.
Die Blogger, die mich zum Fremdschämen bringen, sind jene, die sich von Herstellern für Kosmetik, Lebensmitteln, Hasenfutter, wasauchimmer auf Events einladen lassen und im Nachhinein damit prahlen, dass sie mit zehn Reisetaschen Goodies nach Hause gekommen sind. Äh, okay.
Wenn man zufällig über solche Beiträge oder Bilder stolpert, dann stellt sich jedem einigermaßen normal denkenden Mensch die Frage, ob man tatsächlich ein ganzes Verkaufsdisplay Schminke braucht, um darüber zu bloggen. Oder zehn Packungen Filzstifte oder 25 Tonnen Babywindeln, obwohl man womöglich gar kein Baby hat.
Ich habe erst kürzlich einen Artikel einer Bloggerin gelesen (habe den Link leider verbummelt, sorry!), die davon berichtete, dass sie bei einem Event beobachtet hat, wie andere Blogger ihre Goodiebag genommen und in die Handtasche geleert haben, nur um noch eine zweite Fuhre Gratiszeug abstauben zu können.

An diesem Beispiel sieht man, wie sich die Blogwelt verändert hat. Blogs werden auf einmal als Werbeplattformen betrachtet, mit Blogs lässt sich Geld verdienen – mit den einen mehr, mit den anderen weniger.
Heute spielt auf einmal eine Rolle, ob man Suchmaschinenoptimierung betreibt, ob man die Social Media Kanäle regelmäßig bespaßt, wie viele Instagram-Follower man hat. Wenn ich mir die Fotos anschaue, die noch vor etlichen Jahren verbloggt wurden und mir die Fotos heute ansehe, dann liegen da nicht nur Welten dazwischen sondern ganze Galaxien.
Die „Abstauber-Blogger“ operieren immer noch mit miesen Fotos, aber jeder Blogger, der ein bisschen was aus seiner Seite machen will, lädt inzwischen nur noch Fotos hoch, bei denen man den Eindruck gewinnen könnte, dass sie in einem Fotostudio aufgenommen wurden. Ich nehme mich da nicht aus, selbstverständlich achte ich inzwischen auch darauf, wie meine Fotos aussehen und für meinen Foodblog arrangiere ich die Bilder auch, weil es einfach nicht mehr reicht, nur irgendein Foto zu machen.
Klar habe ich Spaß daran, aber manchmal empfinde ich es auch als anstrengend. Es ist anstrengend, dass aus dem Bloggen inzwischen so viel „Arbeit“ geworden ist, auch wenn es immer noch Spaß macht. Es ist anstrengend, wenn man anderen Bloggern folgt, die alle monstertolle Fotos hochladen, megahübsche Layouts haben und mindestens 4x die Woche tolle Artikel raushauen. Genauso anstrengend ist es, wenn man durch die perfekten Instagram-Feeds scrollt, die nicht mehr aussehen wie Schnappschüsse, sondern wie Fotoshootings vom Profi.

Diese immer mehr gestylte Blogwelt macht es einem schwer authentisch zu bleiben. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute nur die perfekten Instagram-Feeds von schönen Menschen sehen wollen, bei denen alles rund läuft, weil ihr Leben das reinste Märchen ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die „normalen“ Blogs einfach keinen Platz mehr haben in dieser Bloggerwelt – und das macht mich traurig.
Ich vermisse die „ehrlichen“ Blogs in so vielen Bereichen, und ich bin dankbar für die Handvoll Blogger, die noch immer hauptsächlich des Schreibens Willen bloggen – die lese ich regelmäßig und gerne.

Das immer perfektere Auftreten nach außen und die immer größer werdenden Kooperationen und Möglichkeiten haben meiner Meinung nach auch immer mehr Neider auf den Plan gerufen, die in Trollgestalt durch die digitalen Lande geistern.
Wie oft bekommt man dumme Kommentare auf seinem Blog oder auf Facebook reingedrückt und wie oft bekomme ich mit, dass es allen Bloggerkollegen ähnlich geht.
Keine Ahnung, wieso die Trolle meinen, dass sie dauernd herumpöbeln müssen – vermutlich haben sie in Wirklichkeit kein Problem mit dem Blogger, sondern mit sich selbst. Meistens hackt man nämlich auf anderen rum, wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist. Könnte man mal drüber nachdenken, aber wenn wir ehrlich sind: Darüber machen sich sowieso nur die Gedanken, die ihr Verhalten nicht ändern müssen.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, welche Reaktionen es hervorruft, wenn ich darüber bloggen würde, dass mir im Moment der Kopf zu voll ist zum Schreiben an meinem zweiten Roman. Du solltest das mit dem Schreiben sowieso lassen, kannst du eh nicht und ich fand dein erstes Buch schon scheiße und dich gleich mit. Mach lieber was, womit du niemandem auf den Sack gehst.

Oder wenn ich darüber schreiben würde, dass ich mir Gedanken darüber mache, wie glücklich man mit seinem Beruf sein sollte/kann/darf. Oder wie un-/wichtig Geld ist. Oder wie schwierig es manchmal ist als Selbstständiger ruhig zu pennen. Glücklich im Beruf? Mach dich doch nicht lächerlich, wer ist schon glücklich mit seinem Job, du Traumtänzer. Such dir was, womit du vernünftig Geld verdienst, leben kannst du auch noch später. Wenn du in Rente gehst. Vielleicht. Wenn du es nicht geschissen bekommst mit der Selbstständigkeit, dann hör doch einfach auf. Such dir doch ’nen Job oder werd Hausfrau und Mutter, dann bist du da wo du hingehörst, hinter’m Herd.

Vielleicht rollt ihr jetzt genervt mit den Augen, weil die fiktiven Antworten so dramatisch und drüber klingen. Ich befürchte allerdings, dass das gar nicht mal so sehr aus der Luft gegriffen ist, wenn man die Welt durch die Trollbrille zu sehen versucht.
Wie dem auch sei: Die verrohte Kultur im Netz ist jedenfalls nicht zu übersehen und oft hat man (ich) einfach keinen Bock über irgendwas persönliches zu schreiben, nur um hinterher dumm angemacht zu werden.

Tja. Nun habe ich heute Abend mehr geschrieben, als in den letzten Umzugswochen an Ellie 2.0. Hier. Auf meinem Blog.
Und ich werde gleich einfach auf „Veröffentlichen“ klicken und mich ’nen Scheiß drum scheren, dass ich keine Zwischenheadlines gesetzt und auch sonst nicht darauf geachtet habe, wie verträglich der Beitrag ist.
Dass es so weit gekommen ist, dass ich überhaupt daran denke, das ist schon eine bittere Pille. Aber ich habe beschlossen, dass ich sie nicht schlucken will. Ich mache das, was ich immer mache: einfach weiter.

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