Newtopia – Top oder Flop?

Das Reality-TV Format „Newtopia“ ist noch neu in der deutschen Fernsehlandschaft und ich muss gestehen:
Ich war angefixt, als ich vor gefühlten Ewigkeiten den ersten Trailer gesehen habe, in dem das Projekt noch als „Utopia“ beworben wurde.

Das Konzept hinter der Sendung finde ich durchaus reizvoll. Das sehen wohl auch noch Andere so, nicht umsonst erfreuen sich Dystopia Romane, wie „The Hunger Games“ oder „Divergent„, so großer Beliebtheit.
Zurück zur Show. „Erschaffe eine neue Gesellschaft“ lautet die Aufgabe, die 15 wildfremde Menschen in einem entlegenen Winkel Brandenburgs lösen sollen.
Aber was kann eine Fernsehsendung, mit einem solchen Thema, dem Zuschauer wirklich bieten?

Am Anfang habe ich noch gespannt am Bildschirm verfolgt wer die Teilnehmer, nennen wir sie Pioniere, bei Newtopia so sind. Man will ja wissen, ob so eine neue Gesellschaft auch coole Mitglieder hat.
Vorsichtig formuliert, hat man bei Sat1 eine bunte Mischung gecasted, damit das ganze Projekt einen ordentlichen Pulverfass-Charakter bekommt. So kommt es, dass das Model neben dem Bauern am Lagerfeuer sitzt, der verstrahlte Politikwissenschaftler sich mit dem vorlauten Koch in die gefilzten Haare bekommt, der Bänker einen Finanzplan erarbeitet, den niemand befolgt, und der Handwerker Bob den Baumeister gibt.
Eine ausgewogene Mischung an vermeintlichen Kompetenzen ist legitim, schließlich soll’s bei der Show ja darum gehen, dass man etwas aufbaut.

Gestartet sind die Pioniere mit 5.000 Euro in der Kaffeekasse, einem Handy mit ein paar Euro Guthaben und 2 Hektar Grundstück mitten im Nirgendwo, aka Brandenburg. Immerhin gibt es eine Scheune, in der sie nächtigen können, zwei Kühe, ein paar Hühner und einen Teich mit Fischen. Achja, übrigens liegen auch Strom- und Wasserleitungen – man muss es „nur“ zum Laufen bringen. Da es um Newtopia geht und nicht um eine Zombie Apokalypse, ist auch das als Grundlage in Ordnung.
Ansonsten durfte jeder Pionier eine Holzkiste mit nützlichen und persönlichen Dingen füllen, die er bei seinem Einzug mit nach Newtopia bringen durfte. Oder sagen wir einfach: Mit Dingen.
Daran, was die Leute in ihre Kiste geworfen haben, erkennt man schon, wie der Hase läuft:
Schlafsack, Alkohol, Zigaretten, Kondome. Man muss Prioritäten setzen.
Dass nur wenige daran gedacht haben, Wasserflaschen einzupacken, haben die Pioniere erst gemerkt, als nach zwei Tagen nichts mehr zu trinken da war.
Ich möchte aber lobend erwähnen, dass auch einige sinnvolle Dinge in die Kisten gewandert sind. Ich habe eine Angelausrüstung gesehen, ein paar Werkzeuge, haltbare Lebensmittel und Schminke. Oh wait.

Inzwischen ist die Show bei Tag 23 angelangt und in der neuen Gesellschaft passiert…nicht besonders viel.
Die Quoten sind immer noch sehr gut (die Rede ist von ~2 Mio Zuschauern täglich), aber ich bin gespannt, wie lange das noch so bleibt.
Newtopia wurde damit beworben, dass es „keine Regeln“ gibt und jede Form einer neuen Gesellschaft möglich ist, wenn die Pioniere bloß ranklotzen. Nun, das mit dem Ranklotzen ist so eine Sache. Ich sehe immer nur den Handwerker, der in der Scheune ein Badezimmer konstruiert, Betten baut oder Gräben für Wasserleitungen aushebt. Wenn er Glück hat, helfen ihm zwei, drei Tatkräftige (oder zu gelangweilte) Pioniere und tatsächlich gibt es eine frohe Kunde: bislang hat sich niemand einen Finger abgesägt. Hurra.
Der Rest begnügt sich damit, den anderen beim Arbeiten zuzusehen und wertvolle Kommentare abzugeben, um das Geschehen wenigstens verbal zu begleiten.

Ich will damit nicht global galaktisch sagen, dass alle Pioniere gar nichts machen. Sie kochen, essen, waschen ab, duschen, rauchen Kette, sie fegen sogar hier und da in der Scheune herum, melken die Kühe und sammeln die Eier im Hühnerstall ein. Aber reicht das wirklich, um eine neue Gesellschaft aufzubauen?
Bei mir ist der Eindruck entstanden, dass jeder nur das tut, was absolut notwendig ist – keinen Handschlag mehr. „Ich bin dafür eingeteilt, die Kühe zu melken? Alles klar, dann mache ich das. Aber NUR das.“
Möglicherweise entsteht durch den Zusammenschnitt von Sat1 auch ein verzerrtes Bild, aber insgesamt muss man anerkennen, dass noch nicht viel passiert ist, wenn man von elendigen Streitereien und schwachsinnigen Diskussionen absieht.
Ich überlege gerade ernsthaft, was die Gemeinschaft bislang erreicht hat, aber mir fällt nichts ein. Lediglich der Handwerker hat wirklich was erschaffen und wenigstens ein paar Hansels dazu animiert, ihm zu helfen.

Das Startkapital ist bereits beachtlich geschrumpft. Man hat einen Ofen gekauft, um die zugige Scheune zu heizen, einen Porzellanthron und dann waren da ja auch noch die Lebensmittel und die Getränke. Klar, dass man innerhalb von ein paar Tagen nichts anbauen und ernten kann, aber die Einkaufsstrategie der Pioniere ist mehr als fragwürdig. Bestellt wird bei Supermärkten mit Lieferservice, die Getränke kommen von einem Getränkelieferanten. Auf Twitter munkelt man, dass man sich auch bereits 2 oder 3 Mal einen Kasten Bier hat liefern lassen, der dann schlappe 30 Euro gekostet hat. Das mit den Prioritäten hatten wir ja schon. Auch die Nummer vom Pizzaservice liegt wohl inzwischen auf der Kurzwahltaste 1 des Handys, zum Glück haben sie ja Geld wie Heu, ach nein, wartet mal…
Dass man Eier und Milch hat und theoretisch nur Mehl einkaufen müsste, um jeden Tag Pfannkuchen essen zu können, darauf ist noch niemand gekommen. Natürlich ist das nicht besonders komfortabel, von ausgewogen mal ganz abgesehen, aber hey – wir reden hier über den Aufbau einer neuen Gesellschaft, oder? Niemand hat gesagt, dass das einfach ist.
Man könnte natürlich mit der Angelausrüstung auch Fischen. Aber das wäre ja Arbeit.
Alternativ hätte man auch Reis und Bohnen kaufen und Dschungelcamp-Style kochen können. Hätte für den Anfang gereicht, eine Menge Geld gespart und man hätte mehr Kohle gehabt, die man in Baumaterialien hätte investieren können.
Aber hätte hätte liegt im Bette, genau wie die Pioniere.

Bevor nun jemand sagt, dass eine Diabetikerin in Newtopia wohnt und man deswegen nicht ungesund kochen kann: Das ist richtig. Aber es wäre mit den Geld sparenden Maßnahmen durchaus drin gewesen, für die Diabetikerin eine „richtige“ Ernährung zu finanzieren. Mal abgesehen davon, dass ich es ohnehin bedenklich finde, dass der Sender zulässt, dass jemand mit Diabetes bei einer solchen Show teilnimmt.

Liebe Freunde des TrashTV, Newtopia ist leider überhaupt nicht das, was ich mir erhofft hatte.
Ich dachte, man bekommt motivierte Pioniere zu sehen, die Bock haben, sich etwas mit ihren eigenen Händen aufzubauen. Stattdessen sieht man immer nur die Gleichen werkeln, dem Rest kann man beim Lästern zuhören.
Obwohl schon über 20 Tage durch sind, gibt es noch nicht einmal eine richtige Gesellschaftsform. Es wird über jeden Furz diskutiert bis zum Sankt Nimmerleinstag, Entscheidungen werden vertagt oder gegebenenfalls neu ausdiskutiert, wenn irgendjemandem nicht passt, was entschieden wurde. Der Vorschlag eine direkte Demokratie einzuführen, damit es mal voran geht, wurde dankend abgelehnt. Eine „Diktatur“ möchte allerdings auch niemand, wobei zwischen Diktatur und Führung auch noch einmal Welten liegen, aber never mind. Einen Anführer möchte man übrigens auch nicht, nicht einmal im Wechsel. Stattdessen möchte man wohl lieber diskutieren, Kette rauchen und rumlungern, bis die Kohle alle ist und immer noch nichts von Newtopia zu sehen ist, außer dem brandenburgischen Acker.
Vielleicht kann das den Pionieren mal jemand sagen, schließlich sind sie alle Nase lang „draußen“, weil sie zu ihrer Familie oder zum Arzt müssen.

Wer Bock hat, kann 4 Euro im Monat verschwenden und einen Newtopia Pass abonnieren, denn man kann die ganze Chose auch per Livestream verfolgen.
Wie „live“ der Stream tatsächlich ist, vermag niemand zu sagen – Sat1 hält sich bedeckt. Selbstverständlich alles live. Klar.*
Wie dem auch sei, im TV sind die Zusammenfassungen gerade mal bei Tag 14 oder 15 angelangt. Wenn der Sender da nicht bald Gas gibt und ein bisschen aufholt, werden Newtopia bald die Quoten wegbrechen, weil im Internet bereits zu lesen ist, was in den kommenden Zusammenfassungen zu sehen sein wird. Das wird die Fernsehsendung über kurz oder lang uninteressant machen. Man klagt bei Sat1 über den enormen Aufwand, allerdings haben andere Produktionen es auch schon geschafft, dem Zuschauer tagesaktuelle Zusammenschnitte zu bieten.
Ich für meinen Teil habe keinen Newtopia Pass, aber es reicht auch, wenn ich Abends einmal Twitter nach dem Hashtag #Newtopia durchsuche und ein wenig stöbern gehe ;)

Was meint ihr? Ist die Sendung ein Top oder Flop? Yay or nay?

*Auf Twitter erreichte mich die Info, dass der Stream wohl mit 2 Minuten Verzögerung gesendet wird.

3 Gedanken zu „Newtopia – Top oder Flop?

  1. Im Prinzip Stimme ich dir zu. Newtopia liegt komplett hinter den im Vorfeld propagierten und groß aufgebauten Erwartungen zurück. Das Sat1 nicht Tagesaktuell liefert tut seinnübriges dazu und spaltet TV Konsumenten von Online-Nutzern. Dennoch denke ich das es mit der Zeit besser wird, noch gebe ich die Hoffnung nicht auf!

    BTW. Geld ausgeben gut und schön, aber so ein lächerlicher Ofen für 850 Euro?! Man könnte glatt denken, das sich die „Pioniere“ in der Vorbereitung auf die Show keine Gedanken gemacht haben…

    • MissCreARTiv sagt:

      Ich hoffe, Du hast Recht und da kommt noch was ;)
      Das mit dem Ofen habe ich auch nicht verstanden, zumal es ohnehin sinnbefreit ist, die zugige Scheune heizen zu wollen, wenn man nicht anfängt ein paar Zimmer abzuteilen oder generell mehr abzudichten. Da können die den kompletten Wald abholzen – da wird es eher Frühling, als warm in der Hütte :D
      Mal abgesehen davon bin ich sicher, dass ein paar Leute auch in der Lage gewesen wären, eine Art Steinofen zu mauern.

      Genauso die Kohle für Zigaretten, Kosmetik und Bier auszugeben…Das Geld hätten sie besser in Baumaterial investiert und später die Annehmlichkeiten gekauft, anstatt gleich zu Anfang ;)

      Harren wir der Dinge, die da kommen!

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