Newtopia wird Faketopia

Ihr erinnert euch bestimmt noch an meinen Beitrag zum Thema „Newtopia“.
Dass das Konzept der Show wirklich interessant ist und dass es an den teilnehmenden Pionieren scheitert, dass die Sendung nicht hält was sie verspricht, ist alles Schnee von gestern.
Inzwischen gehört die Show einfach nur noch abgesetzt. Was ist passiert?

Aus „Newtopia“ ist inzwischen „Faketopia“ geworden.
Für alle, die das Drama regelmäßig verfolgen ist das jetzt Schnee von vorvorgestern, für alle anderen fasse ich kurz zusammen:

Die grottige Tageszusammenfassung

Nach dem sensationellen Start der Sendung flachte das Interesse der Fernsehzuschauer zunehmend ab. Wenn man sich die Quoten ansieht, kann man einen beeindruckenden Parabelflug nach unten beobachten und der geneigte Freund des Trash TV fragt sich natürlich: Woran liegt das?
Die Quotentalfahrt begann damit, dass die Produktionsfirma Talpa es nicht hinbekommen möchte (ja, ich sage bewusst „möchte“) eine aktuelle Tageszusammenfassung zu zeigen.
Das, was der SAT1 Zuschauer täglich um 19 Uhr präsentiert bekommt, sind Zusammenschnitte, die zu Anfang mehr als 4 Tage alt waren. Man kann sich vorstellen, was das bedeutet: Die Livestream Abonnenten haben Zugriff auf das tatsächlich aktuelle Geschehen in Newtopia, twittern und bloggen darüber und der Zuschauer, der „nur“ die Tageszusammenfassung ansieht, hängt dem Informationsfluss massiv hinterher. Gefühlt ist das ein bisschen so, als würde man den Mars Rover Curiosity anfunken und 45 Minuten später die Antwort bekommen. Bei einer Mars Mission hat man keine andere Möglichkeit, bei Talpa schon.

Nicht, dass wir uns missverstehen: Ich finde es super, dass die Livestream Abonnenten über die aktuellen Geschehnisse twittern und eigene Zusammenfassungen auf ihren Blogs veröffentlichen. Genau das ist ja der Reiz am ganzen Projekt – man will darüber reden und diskutieren, was die Pioniere so treiben.
Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass einer von vier Livestreams kostenlos ist und somit auch die Tageszusammenfassung-Schauer immer mal einen Blick ins „aktuelle“ Newtopia werfen können. Man muss fairerweise aber einfach sagen, dass nicht jeder die Zeit und die Lust dazu hat. Genau dieses Klientel sollte die Tageszusammenfassung eigentlich bedienen. Oder so dachte man sich das jedenfalls.

Inzwischen hat Talpa sich dazu herabgelassen, dass die Tageszusammenfassung wenigstens „nur noch“ zwei Tage hinter dem echten Geschehen hinterherhinkt, aber die Reaktion kam einfach zu spät. Die Quoten im TV haben sich nicht erholt und auch im Netz merkt man, dass das Interesse massiv gesunken ist. Während der ersten Ausstrahlungen glühten noch die Twitter Server, wohingegen jetzt so gut wie gar keine Tweets mehr zur Tageszusammenfassung zu finden sind.
Die Kritik wurde laut, dass es bei Big Brother Produktionen auch möglich ist, tagesaktuelle Zusammenfassungen zu liefern und dass Herr de Mol wissen sollte, wie es geht. Bei Talpa redete man sich allerdings um Kopf und Kragen, man wolle fürs Fernsehen eine Art Soap produzieren.

Lieber Herr de Mol.
äh ja. Nee. Deswegen haben wir alle nicht die Glotze für Newtopia eingeschaltet, dann können wir auch gleich Berlin Tag und Nacht gucken und das finden wir blöd (sorry an alle Fans).

Die Cuts und das Scripted Reality Malheur

Der zweite Punkt, der das Format „Newtopia“ endgültig hat über die Klinge springen lassen, ist, wie mit den Zuschauern umgegangen wird.
Von den Livestream Abonnenten* werden sehr viele „Cuts“ beklagt. Das bedeutet, dass die Produktion immer wieder den Stream unterbricht, bzw. die Kameras wechseln und man anstatt „spannender“ Aktivitäten der Pioniere bloß den Kuhstall oder das Eingangstor zu sehen bekommt. Teilweise ist sogar die Rede davon, dass gut 1/3 der Zeit überhaupt nichts zu sehen ist.

Auch hier wurde Kritik laut, warum es notwendig sei, das eigentliche Format zu beschneiden, da Newtopia von Anfang an als Reality Show beworben wurde, die „wirklich echt“ sei.
Talpa begründet die Cuts mit Argumenten wie „Jugendschutz“ und „Persönlichkeitsrechte der Pioniere schützen“. Nun – diese Begründung hat kein einziger Zuschauer geglaubt, weil es mit dem Timing der Cuts schlicht und ergreifend nicht zusammenpasst. Schade, Pomade.

Man muss kein Medien-Experte sein, um sich jetzt vorzustellen, was die häufigen Cuts auslösten:
Gerüchte, dass Newtopia nicht anders sei, als alle anderen Reality-TV Formate.
Eine Produktion, die bestimmte Rahmenbedingungen vorgibt, die Teilnehmer brieft und nur einen bestimmten Handlungsspielraum offen lässt.

Diese Vorwürfe wurden von Talpa vehement zurückgewiesen (was auch sonst), es wurde gefühlte tausend Mal beteuert, dass es keinerlei Skripte oder Anweisungen der Regie gibt – es sei denn, es sei nicht gewährleistet, dass die Pioniere die deutschen Gesetze nicht einhalten.
Ja, denn diese gelten auch in Newtopia, obwohl man die Show damit ankündigte, dass es keine Regeln gäbe. Das allein ließe sich aber noch verschmerzen, schließlich liegt Newtopia in Brandenburg und nicht im Takka Tukka Land.

All die Unschuldsbeteuerungen von Seiten Talpas wurden nun Lügen gestraft, nachdem ein Praktikant in der Regie verbummelt hat, die Kameras mal wieder auf den Kuhstall zu richten.
Eines Nachts kam die nette Frau aus der Regie bei den Pionieren vorbei und in launiger Runde saß man beisammen und diskutierte über die Briefings für die kommenden Tage.
Ja, ganz Recht: Einige Pioniere werden gezielt vom Sender gebrieft, bestimmte Aktionen voranzutreiben oder zu verhindern und die Ideen als ihre eigenen auszugeben. Scheinbar waren nicht alle 15 Teilnehmer involviert, was in dieser Nacht zu heftigen Streitereien geführt hat.
Im Übrigen hatte die Talpa Mitarbeiterin deutlich zu tief ins Glas geschaut und das schon bevor sie die Scheune betrat.

Was ist das Ende vom Lied?
Talpa weist die Vorwürfe der „Scripted Reality“ weiterhin zurück, was mehr als lächerlich ist.
Die Talpa Mitarbeiterin wurde vom Projekt abgezogen – vielleicht sollte sie sich sogar darüber freuen.
Die Glaubwürdigkeit des ganzen Formats ist dahin. Mir jedenfalls macht es keinen Spaß mehr, das Geschehen zu verfolgen, weil ich das Gefühl habe, bei jeder Idee hinterfragen zu müssen, ob das jetzt vom Sender oder vom Pionier kommt. Ich lese im Netz immer noch mit, was auf Twitter so kursiert, aber letzten Endes ist der Spaß dahin.

Bevor nun jemand ankommt und sagt „Wer denkt, dass solche Formate nicht geskriptet werden, ist sowieso dumm!“ – ich behaupte einfach, dass alle Trash-TV Zuschauer genau wissen, dass die Formate nicht „echt“ sind. Selbstverständlich ist der Bachelor ein „echter Mensch“, aber genauso klar ist, dass er vom Sender gebrieft wird, was wie in welchem Rahmen zu laufen hat, damit die Quoten stimmen. Genau das Gleiche gilt für Bauer sucht Frau, für DSDS und alle anderen Sendungen, die zur seichten Unterhaltung dienen. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen und ich denke, das tut auch niemand.

Das Problem bei Newtopia besteht einfach darin, dass es als etwas komplett anderes verkauft wurde. Es hieß, dass eben nicht von Drehbüchern abgelesen wird, dass es tatsächlich ein Experiment sein soll und man die Pioniere dabei „nur“ beobachten können wird.
Es ist doch letztlich wie mit dem Skandal des Pferdefleischs in der Lasagne:
Den meisten Menschen geht es nicht darum, DASS Pferdefleisch in ihrer Lasagne steckt. Vermutlich würden sie sie sogar trotzdem kaufen.
Es geht darum, dass VERHEIMLICHT wird, dass Pferdefleisch in der Lasagne steckt.
Der Verbraucher möchte wissen, was er bekommt und will, dass das Pferdefleisch auf der Zutatenliste steht, damit er frei entscheiden kann, ob er das nun essen will oder nicht.

Genau so verhält es sich bei Newtopia auch.
Hätte man das Format von Anfang an als weitere Reality-Show verkauft, hätte niemand ein Problem damit gehabt, dass es Skripte gibt und die Pioniere vom Sender gebrieft werden.
Man hat allerdings bewusst vollkommen andere Werbemaßnahmen eingeleitet und Newtopia als Lasagne ohne Pferdefleisch angepriesen. Blöd, wenn man sich beim Schummeln erwischen lässt.

*Ich habe kein Abo, weiß es aber aus erster Quelle über meine Twitter Timeline.

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