Review: Divergent Series

Die DVD „Divergent“ ist eher zufällig in unserem Regal gelandet, aber nachdem ich den Film gesehen hatte, war ich von der Story total angefixt.
So sehr, dass ich zu Weihnachten die Buchbox mit allen drei Buchbänden und dem Prequel geschenkt bekommen habe:


Ich schreibe nicht besonders oft umfangreiche Rezensionen zu Büchern (die Zeit, ihr wisst), aber dieses Mal fürchte ich zu ersticken, wenn ich es nicht mache.
Wer die Divergent Series noch lesen möchte oder die Filme sehen will, der sollte hier aufhören zu lesen, Major SPOILER Alarm!

Die ersten beiden Teile „Divergent“ und „Insurgent“ habe ich förmlich inhaliert. Beide Bücher haben nicht länger als zwei Abende vorgehalten – ein gutes Zeichen, wenn die Story einen dazu einlädt einfach einzutauchen.
Ich habe die Originalfassung gelesen, also verzeiht mir bitte, wenn ich im Verlauf des Artikels mit englischen Namen und Begriffen um mich werfe ;)

Den ersten Teil finde ich rückblickend am rundesten von allen.
Der pace der Story stimmt einfach: Veronica Roth hat einen tollen Schauplatz für die Story geschaffen und mit den fünf factions innerhalb der Gesellschaft ein soziales Gefüge, dass einem SciFi Roman würdig ist. Wir erfahren von Anfang an, dass unsere Hauptfigur, Tris, in Gefahr ist, weil sie „Divergent“ und damit nicht eindeutig einer faction zuzuordnen ist.
Es entsteht eine Dynamik, die den Leser abholt und mitnimmt – man springt bereitwillig auf den Dauntless (Tris‘ faction) train auf und lebt sich gemeinsam mit Tris in der neuen faction ein. Man will gemeinsam mit ihr herausfinden, was es bedeutet Divergent zu sein und man will selbstverständlich mehr über Four erfahren, in den Tris sich von Anfang an verknallt.
Der Leser lernt, dass Four eigentlich Tobias heißt und, genau wie Tris, ein faction transfer von Abnegation (die regierenden Politiker) war. Während Tris ihre neue faction gewählt hat, weil sie sich nicht selbstlos genug für Abnegation hielt, hat Tobias diese Wahl getroffen, um vor seinem gewalttätigen Vater zu flüchten, der ihn nach dem Tod seiner Mutter allein großgezogen hat.
Roth nimmt einen mit in dieses Zukunftsszenario, in dem die Menschheit wissenschaftlich so weit entwickelt ist, dass sie sogar ein Serum besitzt, das es ermöglicht, Spaziergänge durch das eigene Gehirn zu machen und andere dazu einzuladen. Der erste Band endet damit, dass die faction der Erudite (die Wissenschaftler, quasi) die Gelegenheit ergreift, die Dauntless Mitglieder mit Hilfe eines manipulierten Serums in willenlose Soldaten zu verwandeln und die faction Abnegation nahezu auslöscht.
Fun fact: Dieses manipulierte Serum wirkt nicht bei Divergents, was dazu führt, dass Tris und Four die Flucht ermöglicht. Um ihr eigenes Leben zu retten, erschießt Tris einen Freund aus Dauntless, der unter Einfluss des Serums steht und sie mit einer Waffe bedroht. Auch Tris‘ Eltern kommen bei der Revolution ums Leben und nur einer kleinen Gruppe gelingt es, sich aus der Stadt heraus zu retten.
Natürlich ist man als Leser hocherfreut, dass sich trotz aller Gefahren die Liebesgeschichte zwischen Tris und Four entwickelt und die beiden zusammenfinden. Jedes gute Buch braucht eine lovestory.

Der zweite Teil knüpft nahtlos dort an, wo der erste endet: Die Gruppe mit unseren Helden flieht zunächst zur faction der Amity, die außerhalb der Stadt leben, da sie durch Farmarbeiten die Nahrung für die Stadt produzieren.
Die Verschnaufpause ist aber sowohl für die Figuren, als auch für den Leser kurz. Selbstverständlich sucht man bereits nach den „Aufständischen“ und damit setzt sich die Flucht fort. Allerdings nicht mehr so kopflos, sondern mit einem Plan: Man ist gewillt, sich gegen diesen gewaltsamen Sturz des Systems zu stellen.
Ab hier wird man als Leser Teil dieser Revolution gegen die Revolution und es macht großen Spaß, den ganzen Plänen und Aktionen zu folgen. Es gewinnen deutlich mehr side characters an Bedeutung, was eine willkommene Abwechslung bietet, da der Fokus eindeutig auf Tris und Tobias gerichtet ist.
Die Entwicklung der lovestory empfand ich bereits im zweiten Band als etwas anstrengend, weil oftmals diese Situationen entstehen, die für Teenagerverhältnisse normal sind: Ich liebe ihn, ich will ihn nie mehr wiedersehen, ich liebe ihn trotzdem, ich kann ihn nicht ertragen – und das im gefühlt ständigen Wechsel. Aber das kann ich akzeptieren, schließlich sollen unsere Helden 16 und 18 sein und in dem Alter ist man sich seiner Gefühle vielleicht noch nicht immer so sicher.
Im Verlauf von Band zwei stellt sich heraus, dass Tobias‘ Mutter nie verstorben ist, sondern ins Exil geschickt wurde, weil sie ihren Mann betrogen hat. Exil bedeutet in Roths Welt, dass man ohne faction leben muss. Es wird mit dem Voranschreiten der Story immer klarer, dass die „factionless“ einen deutlich größeren Anteil der Population ausmachen als gedacht und das dort der Anteil an Divergents größer ist als irgendwo anders. Man ahnt bereits, was kommt: Es entwickelt sich die nächste Gruppe, die ein Interesse daran hat, die Macht an sich zu reißen.

Innerhalb dieser ganzen Konflikte und Rebellionen bewegt sich die Geschichte im zweiten Buch. Auch unsere Helden selbst stehen in Konflikt mit ihren Entscheidungen. Tris‘ wird nahezu von ihren Schuldgefühlen zerfressen, weil sie ihren Dauntless Freund auf der Flucht in Band 1 umgebracht hat und Tobias muss sich mit seinen zerrütteten Familienverhältnissen auseinandersetzen.
Es endet so, dass Tris es einigermaßen bewerkstelligt über den unglücklichen Tod ihres Freundes hinwegzukommen, allerdings nicht über den Verlust ihrer Eltern. Am Ende ist sie sogar bereit, ein Angebot der Erudite anzunehmen, damit alles ein Ende findet: Sie soll sich stellen und niemandem der Rebellen wird ein Leid zugefügt (an der Stelle hat Roth bereits einige side characters über die Klinge springen lassen, so dass man durchaus nachempfinden kann, wie es dazu kommt, dass Tris sich opfern will.).
Interessanterweise korrumpiert das faction-orientierte Denken sogar Tris‘ Bruder Caleb so weit, dass er bereit ist, seine eigene Schwester mit Experimenten umbringen zu lassen, um herauszufinden, was die Divergents wissenschaftlich gesehen von den anderen Menschen unterscheidet. Wir sehen den nächsten beziehungstechnischen Bruch, ein bisschen mehr Drama tut immer gut.
Natürlich wird Tris in letzter Sekunde vor dem sicheren Tod bewahrt und diese Erfahrung macht ihr klar, dass sie nicht einfach sterben will. Und natürlich, dass sie Tobias liebt. Nicht besonders überraschend, aber here we are.
Außerdem lernen wir als Leser, dass es mehrere Serum-Varianten gibt: eins, um die Wahrheit zu sagen, eins um zu töten, …
Tobias hingegen kämpft ständig mit seinen inneren Dämonen, mit seinem Problem zu vertrauen, seinem Problem sich zu öffnen, seinen Problemen mit seinen Eltern. Er vertraut seinem Vater nicht (verständlich), seiner Mutter hingegen bringt er Vertrauen entgegen, weil er hofft, dass die factionless diesen Krieg beenden können. Man kann als Leser verstehen, dass er seiner Mutter traut, weil er es unbedingt will, aber als Außenstehender sehen wir bereits, dass das zu einer weiteren Enttäuschung führen wird.
So kommt es auch, als seine Mutter tatsächlich mit weiterer Gewalt die Herrschaft der Stadt an sich reißt. Ihr Sohn war nur Mittel zum Zweck und die erneute Flucht unserer Helden beginnt:
Dieses Mal liegt das Ziel wieder außerhalb der Stadt – allerdings entlegener, als die Amity Gebiete.
Durch ein mysteriöses Video haben unsere Helden erfahren, dass es weiter außerhalb noch andere Menschen gibt, zu denen sie stoßen müssen, weil die Hilfe der Divergents benötigt wird.
Ja, tatsächlich ist es so, dass niemand jemals diese gottverdammte Stadt verlassen hat. Klingt komisch, ist aber wohl so.

Bereits in Teil zwei sind ein paar kleinere plotholes zu finden, aber geschenkt. Bis hierhin ist die Story spannend, mitreißend, schnell. Tris und Tobias wirken zwar nicht mehr wie Teenager, aber haben wenigstens endlich so zusammengefunden, wie es sich der Leser wünscht.

Was sich Roth allerdings mit Teil drei gedacht hat, ist (nicht nur mir) ein Rätsel:
Unter Sterben von side characters schaffen es die Helden tatsächlich, die Grenzen der Stadt hinter sich zu lassen und gelangen zu einem ehemaligen Flughafen, der als wissenschaftliches Zentrum fungiert.
Der komplette dritte Teil (bis auf sehr wenige Seiten) spielt ausschließlich innerhalb dieses compounds und es ist – langweilig.
Der Leser wird aus dem schnellen pace der Story herausgerissen und in ein irres Zeitlumpentempo katapultiert, so dass sich das Lesen anfühlt, als würde man versuchen durch Honig zu schwimmen.
Nachdem Roth eine so tolle und lebendige Umgebung geschaffen hatte, ist dieser compound mehr als ernüchternd. Okay, vielleicht gibt es dort nicht so viel zum Erschaffen, aber dann ist es für genau diese Story eben nicht die richtige Wahl für das Setting für den großen Showdown.
Aber hey, mit einem schlechten Setting könnte ich ja noch leben. Mit einer total verhunzten Storyline allerdings nicht.
Die Helden erfahren in diesem wissenschaftlichen compound, dass sie ihr Leben lang in einer Art Truman Show herumgetanzt sind. Lauter Wissenschaftler sitzen an Monitoren und supervisen die Stadt den lieben langen Tag (und nachts), weil es sich um ein Experiment handelt. Herzlich willkommen bei Lost, Namaste.
Ich gebe zu, dass ich so ein Szenario bereits befürchtet habe, aber dass es so schlimm wird, hätte ich niemals gedacht.

Roth kommt mit einer wahnwitzigen Theorie um die Ecke: Das Experiment dient dazu, die Menschheit von einem Gendefekt zu heilen. Angeblich haben die Menschen vor hunderten von Jahren damit angefangen, die Gene zu manipulieren, damit schlechte Eigenschaften nicht mehr weiter vererbt werden. Schlechte Eigenschaften aka Aggression, Feigheit, blabla. Im Prinzip geht es um genau die Dinge, die die factions innerhalb des Experiments lehren sollen: Wie man selbstlos lebt, wie man furchtlos lebt, usw..
Da die Divergents in keine faction so richtig passen, soll nun die conclusion sein, dass es sich hier um genetisch geheilte Menschen handelt, während alle anderen noch immer einen Defekt im Erbgut mit sich herumtragen.
Macht keinen Sinn? Macht wirklich keinen Sinn.
Unsere Helden lernen in dem wissenschaftlichen compound, dass die amerikanische Regierung vor hat, die Divergents aus diesen Experimenten (es gibt mehrere, tada!) zu holen, damit sie ihre „guten Gene“ weitergeben können und die „beschädigten“ Menschen irgendwann nicht mehr… was eigentlich? Existieren? Ziemlicher Schwachsinn, denn die leben ja weiterhin (auch draußen) und vermehren sich.
In der „echten“ Welt ist es so, dass die genetisch geheilten Menschen extrem bevorzugt werden und die genetisch geheilten einen besseren Stand innerhalb der Gesellschaft haben. Natürlich ist auch das nur ein neuer Käfig von Vorurteilen, in den die Menschen gepresst werden – genauso wie in die factions innerhalb der Experimentstadt (ist übrigens Chicago).

Jetzt stellt sich mir natürlich die Frage, warum die Menschen das kaputte Gen nicht einfach zurückmanipulieren? Immerhin sind sie in der Lage Serum Zeug zu erstellen, dass solche freakigen Dinge hinbekommt, wie hirnlose Soldatenzombies zu erschaffen, die von einem Computerprogramm gesteuert werden können. Oder einen dazu zwingt, die Wahrheit zu sagen. Oder eben Halluzinationen im Kopf erzeugen kann, die man auf einem Computerscreen anschauen kann. Simulationen im eigenen Kopf, in die man sogar jemanden mitnehmen kann.
Warum der ganze Aufwand, solche Experimente zu starten, wenn man auf die Gentechnik zurückgreifen könnte? Zuvor wurde in den Büchern mehrfach betont, dass nur genverändertes Essen in der Stadt verzehrt wird, weil es gar kein anderes mehr gibt.

Desweiteren erschließt sich mir in diesem Punkt nicht, warum man in den Experimentstädten genetisch „defekte“ und genetisch „geheilte“ Menschen miteinander mischt. Wenn es das ultimative Ziel ist, diesen „Genfehler“ herauszuzüchten, wie auch immer man es nennen will, wäre es dann nicht einzig sinnvoll NUR genetisch geheilte Menschen innerhalb der Städte zu „halten“? So könnte man problemlos verhindern, dass sich die defekten Gene weiter vererben.

Mal abgesehen davon, dass diese ganze Genetiklehre hinkt (wobei hinken nicht das richtige Wort ist, das ist so bescheuert aufgezogen, dass es nicht mal Beine zum hinken hat), entgleitet Roth auch der Rest der Story völlig.
Die Figuren, die wir in den letzten Büchern so sehr lieben gelernt haben, sind nicht mehr existent.
Die side characters, die ebenfalls aus der Stadt geflohen sind und eine wichtige Rolle während der Revolution eingenommen hatten, werden quasi unsichtbar. Sie haben wenige Parts in der „neuen“ Geschichte, werden kaum beachtet, bekommen kaum Gesprächszeit.
Dafür sind Tris und Tobias plötzlich nicht mehr die Helden, die wir aus den vorherigen Büchern kennen.
Tris entwickelt sich zu einer annoying bitch, die einfach alles besser weiß und dafür sorgt, dass auch jeder weiß, dass sie es weiß. Wo ist die Tris, die immer alles in Frage stellt? Die, die einen Plan so lange dreht und wendet, bis er Hand und Fuß hat? Wo ist die Tris, die kapiert hat, dass sie Tobias liebt und es genau diese Liebe ist, die sie zum Weitermachen bringt?
Weg. Just gone. Stattdessen bleiben wir mit einem rotzigen, nervigen Mädchen zurück, das immer und immer wieder die falschen Entscheidungen trifft, grundlos sauer auf ihren boyfriend ist und andauernd Streit provoziert. Awesome. Als hätte die Pubertät verspätet eingesetzt.

Dieser „Wandel“ beeinträchtigt nicht nur das Verhältnis zu den anderen Figuren, sondern bringt auch einen generellen Bruch in der ganzen Story mit sich, aber dazu später.

Tobias macht ebenfalls Bekanntschaft mit Roths Fleischwolf und kommt als Häufchen Elend unten raus. Tobias, Four!, der absolute Leadertyp, der unter Stress immer die richtigen Entscheidungen trifft, der den Überblick behält und Tris perfekt ergänzt – tja, der ist auch gone.
Stattdessen ist Tobias ein nerviges, weinerliches Etwas geworden – pathetic. Auch er trifft eine falsche Entscheidung nach der anderen, findet kaum noch einen Zugang zu Tris… what the hell happened?
Der Tobias, der seit Beginn an trust issues hat, schließt sich vollkommen blind einer Tante im compound an, die vor hat, die ganzen Wissenschaftler und Regierungsleute umzubringen. Sie erzählt Tobias, sie wolle das Memory Serum stehlen, will dabei allerdings an das death serum, das ebenfalls im Tresorraum stationiert ist. Ohne sich um die genauen Details zu kümmern, ohne den Plan zu erfragen, ohne IRGENDWAS zu erfragen, schließt sich Tobias dieser Mission an und wird natürlich von dieser Tante beschissen.
Das macht ungefähr genauso viel Sinn, wie den Himmel plötzlich grün zu färben. Der smarte badass Tobias, der fast niemandem vertraut, würde sich niemals einem solchen Plan anschließen. Schon gar nicht, wenn er in die Details nicht eingeweiht wird und nur eine Mitläufer Rolle übernehmen soll.
Als Anstoß hierfür nimmt Roth, dass er erfährt, dass er gar nicht Divergent ist, sondern einfach nur eine besondere genetische Konstellation hat, die es ihm ermöglicht, den Serum-Geschichten zu widerstehen. Nachdem er weiß, dass er genetisch beschädigt sein soll und Tris nicht, ist die Beziehung zwischen den beiden noch schwieriger als zuvor (kaum zu glauben). Liegt allerdings weniger an der Genscheiße, sondern an dem out of character Verhalten von beiden.

Als die Wissenschaftler bemerken, dass das Chicago-Experiment aus den Fugen zu geraten droht, beschließen sie, mit einem Memory-Serum die Erinnerungen aller Stadtbewohner auszulöschen und noch einmal von vorne anzufangen. Ein „Reset“, sozusagen.
Dass unsere Helden von diesem Plan nicht begeistert sind, dürfte klar sein. Als sie das herausfinden, haben sie noch 48 Stunden Zeit, um zu verhindern, dass es dazu kommt. Das Memory Serum wird in einem Tresorraum aufbewahrt, in den man nur mit einem Zahlencode gelangt, den ausschließlich der compound Leiter kennt. Bricht man die Tür gewaltsam auf, wird ein „death serum“ versprüht, dass den Einbrecher innerhalb von wenigen Augenblicken umnietet.
Man könnte nun meinen, dass unsere Helden einen Plan schmieden, um an den Zahlencode zu gelangen, um das Memory Serum zu stehlen. Zumal Tobias ein Computerfreak ist, was sich in den vergangenen Büchern schon mehrfach als nützlich erwiesen hat.
Roth meint, dass das zu einfach ist. Roth meint, dass es viel stimmiger ist, die Helden auf eine suicide Mission zu schicken, indem Caleb (wir erinnern uns, Tris‘ Bruder) die Tür aufsprengen soll, um danach das Programm für das Memory Serum zu starten – allerdings nicht in der Stadt sondern innerhalb des wissenschaftlichen compounds.
Das Ziel ist, dass die Wissenschaftler sich nicht mehr daran erinnern sollen, was sie vor hatten und somit wäre die Stadt sicher. Dass Caleb dabei sterben soll ist sozusagen seine Art von Wiedergutmachung, weil er seine Schwester beinahe umgebracht hätte. Nun – der letztere Teil ist nachvollziehbar, womöglich wäre es gut gekommen, wenn Caleb sich für Tris geopfert hätte, um zu beweisen, wie sehr er seine vorherigen Taten bereut.
Aber der Plan an sich? Hallo? Die ganze Zeit sind die Entscheidungen und Pläne wahnsinnig smart und durchdacht und plötzlich greift man zu so einer hirnrissigen Aktion, die keinen Raum für einen Plan B bietet, wenn derjenige im Tresorraum zu früh draufgeht? Mal abgesehen davon, dass es vermutlich deutlich einfacher wäre, den Code irgendwie zu bekommen, anstatt das Risiko auf sich zu nehmen, mit einem Sprengsatz zu dieser Tür zu spazieren.
Man hätte beispielsweise einfach ein bisschen Wahrheits-Serum organisieren können und schon hätte der Leiter seinen Code „freiwillig“ herausgegeben. Auch die side characters können keinen Einfluss auf diesen unfassbar dämlichen Plan nehmen. Warum auch, sie sind in Band drei sowieso nur noch Statisten.
Die Tris, die immer in den Vordergrund gestellt hat, dass man die unschuldigen Menschen schützen muss, dass jeder das Recht hat zu leben wie er will, die Tris ist nun plötzlich versessen auf einen Plan, der nach dem Motto „der Zweck heiligt die Mittel“ verfährt. Sie will den Wissenschaftlern im compound das antun, was die Wissenschaftler der Stadt antun wollen – was sie verurteilt. Äh ja. Eine weitere out of character Handlung, die dazu führt, dass man Tris nicht wieder erkennt.

Wie dem auch sei. Es geht damit weiter, dass sich die Heldengruppe aufteilt. Tobias will in die Stadt gehen, um mit seinen Eltern zu verhandeln. Sein Vater hat sich auf die Seite durchgeschlagen, die gegen seine Mutter kämpft (Überraschung) und Tobias hofft nun, dass er eine der beiden Seiten dazu bewegen kann, ein Friedensangebot zu machen. Dafür nimmt er Memory Serum mit, um notfalls die Erinnerungen eines Elternteiles zu löschen und die Voraussetzung für Frieden zu schaffen.
Zeitgleich soll Caleb im wissenschaftlichen compound das Memory Serum freisetzen, gegen das sich unsere Statisten-Gruppe geimpft hat.
Nochmal zum Mitschreiben: Nach allem, was passiert ist, glauben die wirklich, dass sie sich zum Reden mit Tobias‘ Eltern verabreden und dann klappt das schon? Dass diese Theorie „gewagt“ ist, ist noch milde ausgedrückt.
Desweiteren: Tobias lässt Tris nach allem, was passiert ist, tatsächlich allein im compound zurück?
Dass sie in letzter Konsequenz nicht zulassen würde, dass ihr Bruder sich für sie opfert, ist ja wohl mehr als klar. Das ist wohl das einzige, in dem Tris ihrem Charakter tatsächlich treu bleibt im dritten Buch.

Man kann es sich schon denken, es kommt, wie es kommen muss:
Tris opfert sich anstelle ihres Bruders, sprengt den Tresorraum und schafft es sogar, das Death Serum zu überleben. Immerhin ist sie Divergent und kann diesen wissenschaftlichen Spielereien widerstehen und sie mit ihrem reinen Willen außer Kraft setzen. Blöd nur, dass der Leiter des compounds mit einer Knarre auf sie wartet und sie einfach über den Haufen ballert. Bang, bang, Heldin tot. Sie schafft es noch, das Memory Serum freizusetzen, aber dennoch ist es einfach witzlos, wie Roth innerhalb von zwei Sätzen die Hauptfigur über die Klinge springen lässt.
Ganz zu schweigen davon, wie wir überhaupt bis an diesen Punkt gelangt sind.

Tobias erreicht in der Stadt währenddessen, ganz ohne Memory Serum, dass seine Eltern Frieden schließen. Er sucht das Gespräch zu seiner Mutter, in dem er sie quasi bittet, mit dem ganzen Quatsch aufzuhören, sie überlegt und sagt „Oh. Okay.“ Ihr meint jetzt, ich verarsche euch, oder? Nein! Es ist tatsächlich genau so der Fall. Diese abgezockte bitch, der ihr Sohn vorher noch scheißegal war, besinnt sich auf einmal und denkt sich, es wäre ganz cool ihre Herrschaft aufzugeben, damit ihr Junge sie wieder lieb haben kann. Genau. As if.

Zuguterletzt:
Am Ende ist es so, dass das Memory Serum in Chicago dann doch freigesetzt wird und da die Wissenschaftler auch alle nicht mehr wissen, wer sie sind, leben nun alle glücklich und zufrieden in der Utopia Insel Chicago.
Zum Glück hat die amerikanische Regierung beschlossen, einfach zu ignorieren, was da passiert ist, weil wen interessiert es schon, dass das komplette Experiment in den Arsch gegangen ist, von Rebellen der Tresorraum gesprengt wurde und jetzt keine Wissenschaftler mehr da sind, die sich an ihre Identität erinnern?
Come on, are you fucking kidding me? Die Regierung hätte die Wissenschaftler einfach durch neue ersetzt und das Experiment fortgeführt. Oder aber das Experiment geschlossen und die ganze Stadt plattgemacht, nachdem sie die genetisch geheilten Leute rausgeholt hätten. Es macht einfach keinen Sinn, dass da diese Insel der Glückseligkeit irgendeinen Bestand haben sollte.
Emotional völlig entgleisend wirkt auch, dass Tobias überlebt. Es ist in Ordnung, wenn man als Autor einen Helden umbringt, wenn es für die Story einen Nutzen hat. Entweder, weil die Story diese Entwicklung als Motor braucht oder eben eine andere Figur diesen Entwicklungsmotor braucht. Hier ist weder das eine noch das andere der Fall. Macht es einen Unterschied für den Ausgang, dass Tris sich geopfert hat? Nö.
Es hat nur den Effekt, dass Tobias noch zerstörter als zu Anfang der Serie die Bühne verlässt. Das Buch endet mit einem Sprung auf „zwei Jahre später“ und es wird deutlich, dass er nie über den Tod von Tris hinwegkommen wird. Wunderbar. Diese ganze arc of redemption dieses Charakters für nichts und wieder nichts. Man hat das Gefühl, dass es für dieses ultimative Opfer keine echte Belohnung gibt und das ist richtig bescheiden.

One more thing:
Im letzten Band hat mich sofort irritiert, dass die Sicht des Lesers plötzlich kapitelweise von Tris zu Tobias switcht. Vorher erlebte der Leser alles aus Tris‘ Sicht und mit einem Mal schlüpfen wir in Tobias‘ Kopf. Das kann sehr cool sein, aber der einzige Grund, wieso Roth das gemacht hat ist wohl, weil Tris vorzeitig den Löffel abgibt. Sonst wäre kein Erzähler mehr da, der die Story zu Ende erzählen könnte.
Extrem nervtötend ist, dass beide völlig gleich klingen. Stellenweise wusste ich gar nicht mehr, in wessen Kopf ich gerade bin und musste nochmal zurückblättern, um zu schauen, wessen Kapitel es ist. Das könnte natürlich der Grund sein, warum Tobias plötzlich wie ein 16 jähriges Mädchen wirkt. Schönen Gruß an die Lektoren, die da nicht die Eier hatten, um Roth zu sagen: Kann man so machen, ist aber scheiße.

Tja. So viel also dazu. Knappe 4.000 Wörter rant und ich weiß, dass die meisten es einfach nicht einmal lesen werden, weil es so viel ist, aber es hat mich die ganze Zeit nicht losgelassen, weil es mich so unfassbar sauer macht. Die ersten beiden Bücher waren so toll und das dritte verdirbt einfach die komplette Story. Schlecht recherchiert, schlecht geschrieben, es wirkt alles, als würde man ein Buch lesen, das nicht einmal zur Reihe gehört. So schade. So so schade. Was war los? War Roth unter Zeitdruck? Hat sie keinen Bock mehr gehabt? Ich weiß es nicht.
Ich finde es nur so unfassbar traurig, dass man als Leser diese tolle Entwicklung der Charaktere mitmacht, um dann einen solchen Arschtritt verpasst zu bekommen. Die geliebten Helden sind einfach nicht mehr da, weil sie NUR NOCH out of character handeln. Als würde man Fremden zusehen.

Divergent lässt mich mit einem üblen book-hangover zurück. Beschissenes Gefühl nach über 1500 Seiten.

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